Alkohol ist keine Lösung, Wein schon.
Abstract: Die psychoaktive Wirkung von Wein ist die Schaffung von Wohlwollen, Gemeinschaft und Liebe
Laut Radio-Gedudel naht das Fest mit unbarmherziger Unausweichlichkeit. Gut so. Endlich mal wieder echte Leute sehen, die nicht permanent im TV, auf instagramm und tiktok herum zappeln: Eltern, Omma, Tante Helga und die alten Schulkamerad:innn, die an Weihnachten brav die Heimatkurve kriegen. Mit einem Glas in der Hand – und einem intus – geht das alles ganz geschmeidig und beschwingt. Hoppla, singt da einer das Hohelied von Enthemmung, Eskapismus und Ekstase? Obacht: Alkohol ist keine Lösung – Wein schon! Arzt und Apotheker nicken, alle anderen wundern sich. Darf man eine psychoaktive Substanz so verharmlosen?
Man darf nicht nur, man muss, sagt mein innerer Oenologiker. Denn erstens kommt es nicht drauf an, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, sondern was drin ist! [Den Alkohol hat soeben nur die wunderbare Vorstellungskraft des Lesers eingefügt.] Und zweitens sagt mein innerer Oenosoph: Der Inhalt soll Geselligkeit und Gemeinschaft fördern – das kann Wein sein, muss es aber nicht. Auch Sekt ist möglich – mit oder sogar auch ohne – Alkohol. Es könnte theoretisch auch Kamillen- oder Yogi-Tee sein. In praxi verbrennt man sich da aber verdammt nochmal so arg die Finger und die Zunge, dass das Heißgetränk – im Glas serviert – mehr Schmerz als Freude bereitet. Also doch was Cooles mit Weingeist. Warum eigentlich?
Zur Antwort gehen wir rund 2.000 Jahre zurück – genau dahin, wo Weihnachten ursprünglich herkommt. Während heute jeder zweite Teenie davon träumt, mit einer Karriere als Influencer Reichweite, Reichtum und Halbgott-Status zur erreichen, gab es damals die gegenläufige Ansage „Gott wird Mensch“. Aus der distanzierten Unnahbarkeit steigt der Allmächtige herab und wird einer von uns. Das klingt so durchgeknallt wie der Traum heutiger Zahnspangenträger „dass Taylor Swift endlich die ersehnte WhatsApp schickt, weil sie doch schon lang ein Selfie mit mir machen will“.
Aus dem Menschlein, das unter unhygienischen Umständen (Viehstall) in prekären Verhältnissen (uneheliches Kind) zur Welt kommt, entwickelt sich in einen rebellischen Spinner. Anstatt sich gegenseitig ordentlich auf die Fresse zu hauen, propagiert der Liebe. Hää, was soll das denn? Lang vor Paul Watzlawik, der später den Konstruktivismus populär machen wird, entpuppt sich Jesus als dessen Vordenker: Die eigene innere Haltung erschafft die äußere Realität. Die Akzeptanz der Realität ist die Voraussetzung zur Änderung der Wirklichkeit. Einfacher gesagt: Wenn man sein Gegenüber so annimmt und akzeptiert, wie es ist (=Liebe), dann ändert sich nicht nur das Verhältnis zum Gegenüber, sondern auch die Realität (=Welt). Oder nochmal für die Kinder: Habt einander richtig lieb, dann wird alles gut. Oder mit John Lennon: All you need is Love.
Was bitte hat denn das mit Wein zu tun? Jesus Liebesbotschaft hatte soviel Bumms, dass sie es aus der staubigen Wüste über mehrere Jahrhunderte bis hinter die Alpen geschafft hat. Dabei verglich sich der junge Mann, der sich als Sohn Gottes sah, gern mit einer Rebenpflanze. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Johannes 15,5 ). Doch nicht nur das. Er trank auch – Wein. Jesus ein Säufer? Evangelikalen Seiten verneinen das vehement, verweisen auf Tradition, Hygiene und Symbolik siehe z.B. https://www.biblestudytools.com/bible-study/topical-studies/did-jesus-drink-wine-and-should-we.html. Die amerikanischen Bibelkenner raten mit Epheser 5,18 puritanisch dazu, lieber voll Heiligen Geist erfüllt zu sein also vom Weingeist. Tatsache ist, das mit dem Christentum auch der Weinbau zu uns kam. Im kirchlichen Abendmahl wird das Blut Jesu symbolisiert durch den Wein, den man dabei gemeinschaftlich trinkt, naja – eigentlich nippt. Was heute anmutet wie ein skurriler kannibalischer Kult, soll bedeuten: wir stellen beim Abendmahl die Verbindung untereinander und zu Gott wieder her. Wer Taylor Swifts Nähe-Versprechen einlösen möchte, klickt sich heute einfach >You belong with me< und ist sich wieder sicher: wir gehören zusammen, siehe https://youtu.be/VuNIsY6JdUw
Fürs kirchliche Abendmahl braucht man Wein. Für Wein braucht man Reben. [Reben brauchen Pflanzenschutz, siehe BZ-Artikel]. Und für Reben braucht man bepflanzte Weinberge. So brachten die Römer mit dem Christentum gleichzeitig den Weinbau zu uns, zu den Bier trinkenden Germanen. Dass sich das Christentum später (auch) in kompliziert verkopften Theologien versteigt, wundert mich als Oenosophen schon – ebenso die machtpolitischen Auswüchse, Aggressionen und Missbräuche, die auf mich wirken wie Entladungen angestauter Körperfeindlichkeit. Verwunderlich, denn Leiblichkeit ist der Ausgangspunkt des Neuen Testaments – und Liebe sein Kern. Am Anfang, an Weihnachten, wird Jesus geboren. Mehr Leiblichkeit geht nicht. Am Ostern ist Jesus am Ende und stirbt für die Liebe. (Das mit dem Opfertod ist theologisch ziemlich kompliziert – fast wie die weltliche Liebe – so dass ich das hier ein bissle abkürze).
Wenn heute jemand behauptet, er sei der Sohn Gottes und der vergorene Saft einer Lianenpflanze führe gemeinsam getrunken zu göttliches Vibes – er würde ein Schulterklopfen mit Kopfschütteln ernten und die Frage: Mensch Bob, was hast Du heute wieder geraucht? Als Winzer bin ich mir der psychoaktiven Wirkungen unseres Produktes durchaus bewusst. In kleinen Mengen verabreicht entspannt Wein und lockert die Atmosphäre. Bei gesellschaftlichen Anlässen macht man sich die lösende Wirkung des Weines gern zunutze. Auf Sektempfängen stößt man miteinander an, auf Vernissagen kommt man bei einem Glas Wein leicht miteinander ins Gespräch. Hemmungen und Beklemmungen schwinden, man wird offener. Das Schönste bei Wein ist die soziale Wirkung: er erzeugt Wohlwollen. Onkel Herberts verstaubten Altherrenwitze quittiert man mit einem Lächeln. Tante Helgas Verschrobenheiten erscheinen auf einmal in einem liebenswürdigen Licht – so issie halt. Das kenne ich von keinem anderen alkoholischen Getränk. Rebensaft – in kleinen Mengen – verinnerlicht, baut Feindseligkeiten ab und eine positive Zugewandtheit auf. Misstrauen schwindet, Zutrauen und Vertrauen wachsen. Schaut man sich dieses soziale Wirkungsspektrum an, ist man ganz nah an dem, was Jesus propagiert: Geht arglos aufeinander zu, statt arglistig aufeinander los. Dass Jesus mit seinen Jüngern Wein trinkt, statt eine Bong zu rauchen oder gemeinsam eine Linie Koks zu ziehen, ist kein Zufall. Botschaft und Bewusstseins-verändernde Substanz passen zusammen und ergänzen sich.
An dieser Stelle ist es mir wichtig, auf kleine Mengen hinzuweisen. Die pro-soziale Wirkung der psychoaktiven Substanz Wein schlägt nämlich ab einer gewissen Menge ins glatte Gegenteil um. Aus Selbstvertrauen wird dann Selbstüberhöhung, aus Vertrauen wird Misstrauen und aus Wohlwollen wachsen Weltherrschafts-Phantasien. Kennen wir das nicht irgendwoher? Trump und Putin trinken nicht. Der eine verhält sich aber wie nach 5 Flaschen Whiskey, der andere wie nach 4 Flaschen Wodka. Ich bin überzeugt: würden Sie miteinander ein Glas Wein trinken – die Welt sähe anders aus: besser. Alkohol ist keine Lösung. Wein schon. *
Jesus hat uns die Frohe Botschaft gebracht – mit Liebe und so – und im Anhang den Weinbau. Weihnachten kommt. Ich hab den Wein.
- Ich wünsche Euch: entspannte Weihnachten
- Ich wünsche mir: viele Bestellungen
- Und uns allen wünsche ich: tolle Begegnungen mit Wein.
Liebe, Grüße, Josef.
* Alkohol ist eine Reinsubstanz mit der chemischen Halbstrukturformel C2 H5 OH. Synonyme: Äthanol, Weingeist.
* Wein gilt chemisch betrachtet als Lösung, also als homogenes Gemisch aus mehreren chemischen Stoffen.